Im Dialog
Das Konzentrationslager Neuengamme wurde Ende 1938 in einer ehemaligen Ziegelei zunächst als Außenlager des KZ Sachsenhausen errichtet und 1940 zu einem eigenständigen Konzentrationslager ausgebaut. Bis 1945 entwickelte es sich zum größten Konzentrationslager Nordwestdeutschlands. Mehr als 100.000 Menschen aus ganz Europa wurden im Hauptlager und in über 85 Außenlagern inhaftiert – vielfach, weil sie Widerstand gegen die deutsche Besatzung leisteten, sich Zwangsarbeit widersetzten oder rassistisch verfolgt wurden. Die Häftlinge mussten schwerste Zwangsarbeit für die Kriegswirtschaft verrichten, unter lebensgefährlichen Bedingungen. Mindestens 42.900 Menschen starben im Hauptlager, in den Außenlagern oder während der Todesmärsche und Lagerräumungen am Kriegsende.
Die Gedenkstätte versteht sich heute als offener Ort des Austauschs für Schulklassen, internationale Besuchergruppen, Familien, Nachbarschaften und alle, die Fragen an die Geschichte und an die Gegenwart haben.

Geleitet wird die Gedenkstätte von Prof. Dr. Oliver von Wrochem, Historiker, Jahrgang 1968, seit vielen Jahren in der Aufarbeitung der NS‑Zeit tätig. Seit 2022 ist er zudem Vorstand der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS‑Verbrechen. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, warum dieser Ort wichtig bleibt und welche Rolle er für den entstehenden Stadtteil Oberbillwerder spielen kann.
IBA Hamburg: Sie leiten die KZ‑Gedenkstätte Neuengamme und sind Vorstand der Hamburger Gedenkstättenstiftung. Wie sind Sie zu dieser Aufgabe gekommen?
Oliver von Wrochem: Ich bin Historiker und beschäftige mich seit vielen Jahren mit der Geschichte des Zweiten Weltkriegs und seinen Folgen. 2009 kam ich nach Neuengamme, zunächst als Leiter des Studienzentrums, später dann als Leiter der Gedenkstätte. Seit 2022 verantworte ich als Vorstand die Arbeit der sechs Hamburger Gedenkorte unserer Stiftung. Hamburg ist längst meine Heimat, seit 1989 lebe ich hier. Die Arbeit in Gedenkstätten bedeutet für mich, Geschichte nicht nur zu erforschen, sondern gemeinsam mit vielen Menschen weiterzutragen.
IBA Hamburg: Warum sollte man die Gedenkstätte besuchen?
Oliver von Wrochem: Weil Geschichte immer etwas mit unserer Gegenwart zu tun hat. Neuengamme war eines der größten Konzentrationslager im Deutschen Reich, und dennoch kennen viele Menschen diesen Ort nicht. Wer ihn besucht, versteht besser, wie nah die Vergangenheit ist, sowohl geografisch als auch gesellschaftlich. Außerdem sind wir Teil der hiesigen Nachbarschaft. Wir arbeiten eng mit Schulen, Vereinen, Initiativen und mit Berufsgruppen wie Polizei, Bundeswehr oder Justiz zusammen. Die Auseinandersetzung mit Geschichte betrifft uns alle.

IBA Hamburg: Wie bereitet man einen Besuch am besten vor?
Oliver von Wrochem: Als einzelne Besucher:innen braucht es keine Vorbereitung. Man kann einfach herkommen. Das Gelände ist groß, offen und naturnah, und es gibt sechs Ausstellungen. Für längere Wege sollte man wetterfeste Kleidung und etwas Zeit mitbringen. Es gibt Audio-Guides in verschiedenen Sprachen oder die Kurzführungen in den Sommermonaten. Gruppen können Führungen buchen. Viele kommen als Familie, manche allein – alle auf ihre Art.

Ich glaube, dass neue Stadtteile immer auch neue Gemeinschaften hervorbringen.

IBA Hamburg: Es gibt nur noch wenige Überlebende aus der damaligen Zeit. Wie verändert das Ihre Arbeit?
Oliver von Wrochem: Es verändert viel. Als ich 2010 meine erste Gedenkfeier organisierte, kamen 67 Überlebende in die Gedenkstätte Neuengamme. Heute sind es nur noch sehr wenige. Umso wichtiger wird für uns die Arbeit mit den Kindern, Enkeln und Urenkeln ehemaliger Häftlinge, aber auch mit allen Besuchenden, egal woher sie kommen..
Wir merken: Die Aufmerksamkeit ist groß, sie ist sogar gewachsen. Das hat auch viel mit den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen und der höheren Reichweite im Digitalen zu tun. Die Herausforderung ist eher, den Überblick über Fakten zu bewahren, denn Social Media bringt Chancen, aber auch viele Falschinformationen.
IBA Hamburg: Was wünschen Sie sich im Blick auf den neuen Stadtteil Oberbillwerder?
Oliver von Wrochem: Dass er neugierig bleibt. Wir freuen uns sehr darauf, mit Schulen, Initiativen, Kulturorten und sozialen Trägern zusammenzuarbeiten. Wir kommen gerne in den Stadtteil, stellen unsere Arbeit vor oder entwickeln gemeinsame Projekte. Geschichte lässt sich gut in die Lebenswelt der Menschen einbinden. Oberbillwerder kann da ein starker Partner werden.

IBA Hamburg: Welche Rolle könnten neue Bewohner:innen von Oberbillwerder selbst spielen, um Erinnerungskultur lebendig zu halten?
Oliver von Wrochem: Ich glaube, dass neue Stadtteile immer auch neue Gemeinschaften hervorbringen. Menschen, die neu zusammenziehen, entwickeln gemeinsame Routinen, Werte und Orte ihres Alltags. Erinnerungskultur kann ein Teil davon sein. Das sollte nicht als Pflichtprogramm verstanden werden, sondern als gemeinsames Interesse daran, wie wir zusammenleben wollen. Für Oberbillwerder bedeutet das: Wer neugierig ist, wer Fragen stellt oder wer seine Kinder stärken will im Umgang mit Geschichte und Gegenwart, findet in uns einen offenen Partner. Man kann gemeinsam Projekte entwickeln, Ausstellungen besuchen, uns zu Veranstaltungen einladen oder selbst aktiv werden.
Erinnerungskultur funktioniert am besten, wenn sie im Alltag verankert ist – in Gesprächen, in Schulen, in Nachbarschaften. Neue Stadtteile bieten dafür oft überraschend gute Chancen.
IBA Hamburg: Was wünschen Sie sich, dass Menschen von einem Besuch in Neuengamme mitnehmen?
Oliver von Wrochem: Dass sie den Ort als offenen Lernort erleben. Die KZ-Gedenkstätte Neuengamme ist ein Ort der Erinnerung, aber auch des Dialogs. Man muss hier keine Angst haben.
Wer herkommt, darf Fragen haben, darf suchen, zweifeln, neugierig sein. Mir ist wichtig, dass Menschen spüren: Geschichte ist nicht abgeschlossen. Sie ist etwas, das wir gemeinsam weitertragen.
