Im Dialog
IBA Hamburg: Herr von Have, erzählen Sie uns etwas über Ihren persönlichen Werdegang. Wie sind Sie zur Leitung des Familienbetriebs gekommen?
Christoph von Have: Ich bin in die Weinhändler- und Spirituosenfamilie hineingeboren, wollte aber ursprünglich gar nicht in den Betrieb einsteigen. Nach dem Abitur habe ich eine betriebswirtschaftliche Ausbildung nach dem Hamburger Modell gemacht – damals bei Goertz, im Schuhhandel. Das hat mir großen Spaß gemacht, und ich war lange als Filialleiter tätig. Erst 1997 ergab sich die Gelegenheit, nach meiner Schwester in den elterlichen Betrieb einzusteigen. Die renommierte Hamburger Weinagentur L. Marwede & Cie. der Geschwister Marwede war ohne Nachfolger und so übernahmen wir den Betrieb. So kam ich zurück – obwohl ich mit 18 geschworen hatte, das nie zu tun! (lacht)

IBA Hamburg: Die Geschichte Ihres Hauses reicht weit zurück. Wie fing alles an?
Christoph von Have: Die Wurzeln liegen im Jahr 1825. Damals betrieb die Familie eine Gastronomie im sogenannten „Colosseum“, einem Teil des italienischen Viertels in Bergedorf. Heinrich von Have, Bauernsohn, wollte kein Landwirt bleiben – er wollte Weinhändler werden. Nach seiner Lehre bei Eggers & Franke in Bremen gründete er die erste Weinhandlung im Colosseum. Um 1900 zog der Betrieb in das heutige Gebäude am Sachsentor, das als Kellerei gebaut wurde. Spirituosen kamen hinzu, weil man in der ländlichen Gastronomie ohne Korn und Kümmel keinen Wein verkaufen konnte. Ein Ladengeschäft für Endverbraucher entstand erst in den 1930er Jahren – damals eine kleine Revolution.
IBA Hamburg: Heute ist Ihr Laden ein echtes Erlebnis. Was macht ihn besonders?
Christoph von Have: Wir haben vor 18 Jahren den Verkaufsraum komplett geöffnet und die historischen Elemente sichtbar gemacht – alte Weinregale, den Tresor, die Uhr von 1825. Es ist wie ein begehbares Museum.
Gleichzeitig setzen wir auf Handarbeit und Kreativität: Wir entwickeln eigene Spirituosen, vom klassischen Kümmel bis zu modernen Gins und Rums. Alles wird hier in Bergedorf von Hand abgefüllt und etikettiert. Selbst die Designs machen wir selbst – inzwischen auch mal mit KI-Unterstützung.


IBA Hamburg: Welche Produkte sind Ihre Klassiker – und was liegt im Trend?
Christoph von Have: Früher waren es Liköre wie L’esprit d‘Orange oder Pêche Royale. In den letzten Jahren war Gin ein Dauerbrenner, seit etwa 2012. Wir haben in dieser Zeit über 14 verschiedene Gin-Rezepte unter eigenem Namen, aber auch für Auftragsarbeiten entwickelt und produziert. Wir brennen sogar noch auf der Original-Brennblase von 1950 nach dem ersten Gin-Rezept meines Vaters aus dem Jahr 1956. Aber ich glaube an die Zukunft von Rum – da passiert gerade viel. Und wir entwickeln ständig Neues, zum Beispiel Aperitif-Serien mit Pink Grapefruit oder Limoncello. Selbst den Bereich ohne Alkohol als Sirup haben wir in die Produktion aufgenommen.
Kein Stadtteil steht für sich allein wie ein Satellit – wir sind verbunden, miteinander und mit unserer Umgebung.

IBA Hamburg: Bergedorf ist für Sie Heimat. Was macht den Stadtteil für Sie besonders?
Christoph von Have: Bergedorf ist wie eine eigene Stadt – mit viel Natur, den Vier- und Marschlanden vor der Tür und einer starken Identität. Wer hier lebt, ist Bergedorfer. Und das spürt man auch im Geschäft: Viele Kunden kommen gezielt zu uns, weil sie das Besondere suchen, das es nur hier gibt. Wir haben ein wunderschönes Schloss, eine bezaubernde Altstadt, grüne Parks und so viel Geschichte. Es wird immer Dinge geben, bei denen ich sage: Da muss ich hin. Weil es etwas Besonderes ist. Und genau deshalb sollten Menschen aus Oberbillwerder nicht nur nach Hamburg fahren – sondern einmal ganz bewusst nach Bergedorf kommen.
IBA Hamburg: Blick in die Zukunft: Geht die Tradition weiter?
Christoph von Have: Ich bin die fünfte Generation. Ob es weitergeht? Meine Kinder sind 16 und 18 und beide interessiert – aber ich werde niemanden zwingen. Das Wichtigste ist, dass die Leidenschaft bleibt. Denn das ist es, was dieses Haus seit fast 200 Jahren ausmacht.