Im Dialog
Mit ihrem 56 Meter hohen neobarocken Turm aus dem Jahr 1884 ist die Backsteinkirche schon von Weitem zu sehen –
und das ganz in der Nähe des künftigen Stadtteils Oberbillwerder.
Aber St. Nikolai ist mehr als ein historisches Gebäude. Hier wird gefeiert, getrauert, musiziert und gebetet: Gottesdienste, Konzerte, Hochzeiten und Trauerfeiern gehören zum Alltag der Kirche. Gleichzeitig gibt es viel zu organisieren – in der Kirchengemeinde Marschlande genauso wie beim Erhalt des alten Gemäuers. Getragen wird all das vor allem von Ehrenamtlichen. Eine von ihnen ist Dorothee Stolzenburg, sie war etliche Jahre Vorsitzende des Kirchengemeinderats Billwerder und ist nun im neu fusionierten Kirchengemeinderat Marschlande aktiv.
IBA Hamburg: Frau Stolzenburg, wie hat es Sie denn überhaupt nach Billwerder verschlagen?
Dorothee Stolzenburg: Ich bin in Celle geboren und aufgewachsen, das jüngste Kind einer langen Geschwisterkette. Nach dem Abi habe ich in Hannover Gewerbelehramt studiert. Nach dem Referendariat bekam ich meine erste Anstellung in Hildesheim und habe in der Zeit meinen Mann auf einer Privatreise kennengelernt. Der kam aus Hamburg und so bin ich 1979 holterdiepolter hierhergezogen.
IBA Hamburg: Wie ging es für Sie hier weiter?
Dorothee Stolzenburg: Ich bin direkt in den Hamburger Schuldienst unter einer Bedingung eingestiegen: Ich sollte an die neu gegründete Gewerbeschule 20 in Bergedorf-West am Billwerder Billdeich gehen. Da habe ich gesagt: „Ja, mache ich!“ Und bin 36 Jahre geblieben. Erst als Lehrkraft, später 20 Jahre in der Schulleitung. 2016 bin ich in den Ruhestand gegangen.

IBA Hamburg: Und dann kam die Kirche ins Spiel?
Dorothee Stolzenburg: Ja, kaum war ich im Ruhestand, ging die Anfrage los: „Hast du nicht Zeit, hast du nicht Lust?“ Ich dachte: Warum nicht, kannst du ein bisschen was zurückgeben. Ich habe in meiner Jugend tolle kirchliche Jugendarbeit erlebt – das war unsere Freizeit, unsere Gemeinschaft. Seit 2017 war ich Vorsitzende des Kirchengemeinderats Billwerder und bin nun zweite Vorsitzende im Kirchengemeinderat Marschlande und bleibe so dem Billwerder Billdeich treu.

Kirche muss präsent sein – nicht durch Gebäude, sondern durch Begegnung.
Wir wollen die Menschen ansprechen, ihnen eine Heimat bieten.
Dorothee Stolzenburg

IBA Hamburg: Wie lässt sich die Geschichte der Kirche in Billwerder kurz beschreiben?
Dorothee Stolzenburg: Über die ganz frühen Gebäude wissen wir leider wenig, außer dass sie immer wieder von Stürmen beschädigt wurden. Aus dieser Zeit sind aber zwei sehr wertvolle Holzskulpturen erhalten – der Evangelist Johannes und der heilige Nikolaus, der Namensgeber unserer Kirche. Beide stehen heute im Museum für Hamburgische Geschichte.
Als die alte Kirche im 18. Jahrhundert endgültig baufällig war, wurde zwischen 1737 und 1739 ein neues Kirchenschiff gebaut, entworfen von Johannes Nicolaus Kuhn. Für die Marschlande war das erstaunlich prunkvoll, aber das hat einen Grund: Wohlhabende Hamburger Kaufleute hatten hier ihre Sommerhäuser und wollten auch eine Kirche mit städtischem Anspruch. Zur Einweihung gaben die Landherren sogar ein Oratorium bei Georg Philipp Telemann in Auftrag – das war damals ein echtes kulturelles Ereignis.
IBA Hamburg: Von Rückschlägen und Katastrophen blieb die Gemeinde aber nicht verschont?
Dorothee Stolzenburg: Nein. die Kirche hat auch schwere Zeiten erlebt. Nach einem Deichbruch stand 1771 das Wasser kopfhoch im Kirchenschiff. 1911 brannte die St. Nikolai Kirche bei Lötarbeiten fast vollständig aus. Beim Wiederaufbau bis 1913 setzte man auf Stahlbeton, blieb aber bewusst beim barocken Stil. So entstand der heutige Backsteinsaal mit Tonnendecke, Kanzelaltar und großer Orgel.

IBA Hamburg: Oberbillwerder liegt mitten in Ihrem Gebiet. Was bedeutet das für die Gemeinde?
Dorothee Stolzenburg: Schon 2018 haben wir am Kirchenkreis Hamburg-Ost einen Arbeitskreis gegründet: „Kirchliches Leben in Oberbillwerder“. Klar ist: Es wird keine neue Kirche gebaut – es gibt genug Gebäude. Aber wir wollen präsent sein. Unser Ziel ist es, im ersten Bauabschnitt eine evangelische Kita zu eröffnen. Und wir überlegen, Räume anzu-mieten für z.B. Seniorencafés, Konfirmanden-unterricht oder einfach zur Begegnung.
IBA Hamburg: Also eine Kirche ohne Kirchturm?
Dorothee Stolzenburg: Genau. Kirche muss präsent sein – nicht durch Gebäude, sondern durch Begegnung. Wir wollen die Menschen ansprechen, ihnen eine Heimat bieten. Und ja, das ist auch eine Marketingfrage: Wie erreichen wir die Neuankommenden? Vielleicht sogar mit einem Kaffeefahrrad mitten im Quartier.
IBA Hamburg: Was denken Sie über das Projekt Oberbillwerder insgesamt?
Dorothee Stolzenburg: Es ist ein gigantisches Vorhaben – verkehrlich, wasserrechtlich, infrastrukturell. Ich kenne die Region gut und weiß, wie komplex das ist. Aber ich halte den Ansatz, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, für richtig und wichtig. Das ist für mich auch ein christlicher Auftrag.